Phantomvibration der Online-Medien

19.01.2016 00:00

In den letzten Tagen verkündeten EXPRESS, SAT.1, FOCUS und weitere Medien einhellig auf ihren Internetseiten: Amerikanische Wissenschaftler haben kürzlich herausgefunden (so müssen vielbeachtete Neuigkeiten wohl möglichst oft beginnen), dass 90 % aller Smartphone-Nutzer Phantomvibrationen erleben.

Die Artikel nehmen Bezug auf einen empirischen Bericht von Dr. Rosenberger vom Georgia Institute of Technology, den das Elsevier-Journal "Computers in Human Behavior" im November 2015 veröffentlichte. Sieht man sich den einmal genauer an, gelangt man vor allem zu zwei Erkenntnissen zum Umgang mit Nachrichten in unserer schnelllebigen Zeit.

Erstens: Na klar, Smartphone-Nutzer bekommen täglich so viele vibrierende Nachrichten, dass sie sich die oft sogar einbilden, wenn sie das Smartphone gar nicht am Körper haben. Auch ich habe das schon erlebt - vor allem in der Anfangszeit, als ich vor einigen Monaten beschloss, das Handy ab jetzt jeden Vormittag in die Schublade zu legen.

Aber betrifft das aktuell wirklich "90 % aller Smartphone-Nutzer", wie hier wissend verkündet wird? Die Zahl von 90 % - zumindest so ungefähr - stammt lediglich aus einer von Dr. Rosenberger zitierten Studie von Juli 2012 namens "Phantom vibrations among undergraduates". Damals berichteten 89 % aller teilnehmenden Studenten von Phantomvibrationen. Aber spiegeln die jungen amerikanischen Studenten "alle Smartphone-Nutzer" wider? Und können "kürzlich" gewonnene Erkenntnisse bereits vor dreieinhalb Jahren veröffentlich worden sein?

Und daraus ergibt sich zweitens: Die Bedürfnisse internetaffiner Nachrichtenkonsumenten glauben viele Redaktionen nur noch ausreichend schnell befriedigen zu können, indem sie Meldungen aus anderen Quellen unreflektiert übernehmen und dabei immer weiter vereinfachen. Diese Nachrichtenportale spielen mit uns aus Mangel an Recherchezeit regelrecht Stille Post - und wir spielen ebenfalls mit und teilen diese Nachrichten womöglich nochmals in sozialen Netzwerken und setzen einen nochmals vereinfachenden Kommentar darüber.

Am Ende vibriert die "Nachricht" allerorts in den Hosentaschen und hinterlässt die Empfänger ratlos: War die Vibration überhaupt echt? Und wenn ja, ist diese Nachricht überhaupt echt? Und wenn nein oder nein: Sollten wir unseren Strom schneller Nachrichten nicht öfter mal bewusst beiseite legen und uns mit mehr Ruhe einem Qualitätsjournalismus zuwenden? Dabei zur Ruhe zu kommen, hilft beim Nachdenken - und es kribbelt auch nicht mehr so in der Hose.

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